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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

Steril

Wer intelligenten, ausgereiften EBM mag, kommt an Steril kaum vorbei. Dabei ist diese seit nunmehr 16 Jahre existierende Band vielen vielleicht gar nicht mal bekannt, was aber eher an ihrem ausgeprägten Drang unabhängig und gut zu bleiben liegt, statt an mangelnder Qualität. Es gibt halt auch heute zum Glück noch Musiker, die jahrelang ihren Weg gehen, statt sich an die Kommerzmaschinerie zu verkaufen.
In einem ausführlichen Interview stand mir Mähne Meenen, Snger der Band, Rede und Antwort. Was er zu sagenhat, folgt nun...

Otti:
Der Bandname Steril impliziert für mich Keimfreiheit, Monotonie, Reinheit, Kälte... eben Sterilität. Euere Musik scheint mir aber durchaus auch warme und verspielte Elemente zu haben. Wie erklärt ihr diese Gratwanderung zwischen Musik und Bezeichnung?

Meene:
Wir lieben die Ironie, auf die wir auch in unseren Texten großen Wert legen. Der Bandname war eine frühe vielleicht etwas einfache Anspielung auf unseren Sound der zwar elektronisch, allerdings immer mit einer Schippe Dreck und für EBM ziemlich Groovy daherkam. Man könnte unseren Namen somit auch in Anführungsstriche setzen… das sieht aber nicht gut aus.


"Viele geben sich mit der grauen Zurückhaltung zufrieden, im Einheitsbrei unterzugehen."

Otti:
Auf der Website und in der Bandinfo ist das Album bereits für August 2005 angekündigt. Ist das einfach ein Druckfehler, oder gab es einen Grund für diese Verzögerung?

Meene:
Zunächst war das Album für diesen Termin auch in Deutschland geplant, allerdings gab es verschiedene Termine für Übersee und einen späteren für Europa. Wir hatten das Album schon längst fertig gestellt, jedoch warf das Mastering der CD einige Fragen auf, da wir den best möglichen Klang für die Tracks herausholen wollten. Die Absegnung der Plattenfirma Artoffact aus Canada kostete jedes Mal wenn Änderungen anlagen wieder etwas Zeit. So verschob sich der Termin etwas nach hinten was dem Gesamtwerk zugute kommt, denn wir sind Soundfetischisten.

Otti:
Seit dem letzten Album "Purification" sind auch insgesamt 3 Jahre vergangen. Was habt ihr in der Zwischenzeit so getrieben?

Meene:
Für Ayria, Regenerator etc. haben wir etliche Remixe geschrieben. Und auch eigene Projekte wie "Cycletribe" verfolgt. Nebenher sang und schrieb ich für meinen Buddy "dorntec." einige Songs. Hauptsächlich jedoch ging die Arbeit an neuem Material für das Realism Album stetig weiter. Wir lassen uns Zeit, denn wir gehören nicht zu den Fließband "ich muss pünktlich zur Festivalsaison ne Scheibe raushauen" Bands, sondern setzen wie schon gesagt auf Qualität. Zudem war inzwischen aus dem Verdruss über die Entwicklung der elektronischen Musik in unserer Szene ja die Aufgabe gewachsen, genau diesen Sound zu reformieren. Wir wollen die Eigenschaften wie die Experimentierfreude und den Glanz in dieses Genre zurück transportieren. Doch das ist nicht so einfach Umzusetzen, da die Sounds und die Härte über die Jahre den Hörgewohnheiten einen neuen Standard bescherten. So lag viel Arbeit in der Tatsache, progressive Melodien und Sounds von damals, mit modernem Schub zu aktualisieren - halt EBM 2006 zu machen.

Otti:
Allgemein gab es bei euch häufiger Öffentlichkeits- und Schaffens-Pausen. Gab es auch Momente, in denen Ihr die Band komplett auflösen wolltet? Was hat euch über die Jahre zusammengehalten?

Meene:
Das stetige und sofortige Ausnutzen der Abwesenheit Dritter, mal komplett über sie abzulästern. Ich sage Dir, das entspannt wirklich! Es könnte aber auch an der sehr guten Ausgewogenheit unserer Attribute liegen. Axel schreibt sehr viele Songs in der Rohfassung, und wir können ziemlich schnell textlich und Inhaltlich auf Ergebnisse kommen, da wir sehr gut im Progress zusammenarbeiten. Jan fertig wahnsinnig gute Sounds und liefert innovative Songaufbauten, die wir natürlich gemeinsam bearbeiten. Irgendwie geht das seit Jahren Hand in Hand und keiner ist zu entbehren, das macht schließlich eine Band aus.

Otti:
Ihr seid auch eine der Bands, die sowohl deutsche als auch englische Texte verfassen, im Fall von "Statik" und "Realist" sogar in einem Song vereint. Wo seht ihr die Vor- und Nachteile in den beiden Sprachen? Und in welcher Sprache läßt sich welche Form Art von Gefühlen besser ausdrücken?

Meene:
Die Mischung entsprang tatsächlich der reinen Akzentuierung von Stimmungen wegen. Sehe ich mich als Instrument an, kann ich dadurch einiges lenken. Die englische Sprache groovt einfach, was der rhytmischen Unterstützung unglaublich zugute kommen kann. Deutsch ist fantastisch für Parolen und zur Betonung von Hauptpassagen. So haben wir die Sprache das erste Mal benutzt und wir werden dabei bleiben.

Otti:
"Statik" handelt inhaltlich von der inneren Kraft, der Möglichkeit selbst was zu erreichen und zu verändern. Was meint ihr warum so viele Menschen statisch bleiben, lieber jammern, anstatt sich selbst zu bewegen?

Meene:
Es geht ihnen schlicht und einfach zu gut! Klingt hart, ist es auch. Der Antrieb für viele Dinge entsteht häufig aus der Not heraus. Allerdings zeigt die Erfahrung, daß Menschen sich äußerst einschränken lassen, bevor sie handeln. Da bleibt einem nur noch Respekt denjenigen gegenüber auszusprechen, die selber in Fahrt kommen. "Statik" behandelt vorrangig allerdings doch eher eine fiktive Geschichte, um Unabhängigkeit und Individualität, die für uns das höchste Gut darstellt.

Otti:
Der Song betont ruft auch dazu auf einzigartig und anders zu sein. aber ist nicht jeder Mensch auf seine Art ein besonderes, wundervolles Individuum?

Meene:
Ja, alle Menschen sind gleich... aber manche sind gleicher... ich will damit sagen, daß das Streben nach Individualität doch eigentlich ein tief menschliches Begehr ist, jedoch scheinbar nicht für alle. Viele geben sich mit der grauen Zurückhaltung zufrieden, im Einheitsbrei unterzugehen. Der Song ruft dazu auf, das zu ändern, denn aus Individualität entspringt auch immer Kreativität, die die Stagnation in allen Lebensbereichen verhindert.

Otti:
Allgemein scheint euch die Realität als solches Thema zu beschäftigen, zumindest handeln sowohl "Realist" als auch "Kidding King" davon. Wie viel Realismus muss ein Mensch sich bewahren, wie viele Träume sind erlaubt, und wie gestaltet sich die Realität eines Menschen?

Meene:
Träumten wir nicht mehr, würden wir wohl nicht mehr musizieren können. Mal abgesehen davon, dass das Interview langsam in eine psychologische Expertise abgleitet, sind diese Song natürlich sehr Autobiographisch. Da klingt die Enttäuschung heraus, die wir oft erlebten. Sie sollen aber auch unsere Antwort darauf geben. Die Hauptfrage war zudem noch, ob es Realistisch sei, eine EBM Scheibe jetzt auf Markt zu bringen. Wir besinnten uns darauf, das unter den Kriterien der Innovativität, die durch die ewige Reproduktion der Szenebands, den urtypischen Sound immer weiter zu verwässern, in die Stagnation geraten war, es durchaus möglich war, dem Ganzen wieder Leben einzuhauchen. Es fehlte oft die Spielfreudigkeit und der Drang, neue Klänge zu entwickeln. So macht man den Versuch einen Traum real werden zu lassen.

Otti:
"Swordsmen of the Crown" und "Kidding King" haben zum einen sicherlich metaphorische Hintergründe, spielen aber auch mit dem Element Mittelalter bzw Fantasy. Sind das Themen die euch interessieren, und wenn ja, welche Verbindung seht ihr zwischen elektronischer Musik und mittelalterlicher Romantik?

Meene:
Lyrisch gesehen war das einfach mal Riesenspaß. Die Aggressivität des Songs forderte geradezu einen martialischen Kontext, was sich hinsichtlich dessen sehr gut verbinden lässt. Ansonsten hätten eigentlich die Fidel und Ukulele instrumental etwas angepasster gewirkt, aber damit hätte der Song bestimmt etwas an Härte verloren.

Otti:
Der Song "Scripts Electric" enthält ein Zitat, welches auf die Gefahren hinweist, die der stetige Versuch der Menschheit, Gott zu spielen, in sich birgt. Wie weit ist der Mensch schon an Gott herangewachsen? Wie rächt sich das?

Meene:
Durch Arroganz sind schon viele sehr früh gefallen. Es ist schlimm wie viele Personen sich überbewerten und damit ewig durchkommen - andererseits reguliert der natürliche Verschleiß glücklicherweise einiges von selbst.

Otti:
Mal zur Band allgemein, wie habt ihr eigentlich vor 16 Jahren zueinander gefunden, und warum? Welche musikalische Vorentwicklung gab es bei den einzelnen Bandmitgliedern?

Meene:
Jan und Axel hatten eine elektronische Popband, und ich machte Industrial Noise.
Wir standen am Anfang der EBM Bewegung und wollten genau das machen. So taten wir uns zusammen um herrlich wilde Elektotanzmusik für zornige Teenies zu machen. Diese Zeit war wahnsinnig impulsiv und das war der perfekte Soundtrack.

Otti:
Wie würdet ihr euere Beziehung untereinander beschreiben? Seid ihr privat auch befreundet, oder geht ihr da getrennte Wege? Und was wäre ein Ort, den ihr mal gemeinsam besuchen wolltet, wo ihr aber noch nie wart?

Meene:
Sicher sind wir auch privat befreundet. Wenn man allerdings eine so lange Zeit unter anderem auch auf Livetour und im Studio verbringt, gäbe es da eher Orte, die ich lieber nicht mit Ihnen geteilt hätte... Aber wenn schon, dann natürlich den Madison Square Garden... als Hauptact!

Otti:
In einem Interview von 2002 sprecht ihr das Thema "pay-to-play" an, eine Vorgehensweise im Business, die mir bis dato unbekannt war, ich aber sehr abscheulich finde, wo Nachwuchs-Bands zahlen sollen, um als Vorband vor "größeren" Acts spielen zu dürfen. Wie sieht es da heute aus? Ist das Phänomen in Deutschland tatsächlich noch verbreitet?

Meene:
Ja, durchaus. Viele lassen sich die Tourbegleitung finanzieren, wobei ich nichts dagegen habe, wenn eine Plattenfirma aus promotionstechnischen Gründen dies finanziert. Es wird nur seltsam, wenn da wirkliche Independent Acts wie wir, privat und persönlich zur Kasse gebeten werden. In wie weit man Geschäftsmodelle nach unten schraubt sollten sich viele der Szene- und Genreabhängigen Bands mal überlegen. Für die ist der Song "Scripts Electric" auch.

Otti:
Liveauftritte sind derzeit keine ankündigt, soweit ich weiß. Wird es denn in absehbarer Zeit wieder Konzerte geben? Und wie wichtig ist für euch der direkte Kontakt zu euerem Publikum?

Meene:
Die beste Möglichkeit ist es, sich expressiv mit unserer Musik auseinanderzusetzen. Das ist der Punkt, an dem wir sprichwörtlich die Sau rauslassen. Es gibt schließlich gerade für EBM gerade genau nur Live die Möglichkeit, die volle Power auszureizen. Der Erfolg der Musik lag schon immer auf der Tanzfläche, und der Kontakt zu denen, die mit uns tanzen, entsteht dabei automatisch. Wir spielen am 4.November in Essen in der Zeche Carl und beim Planet Myer Day am 6.Januar 07 in Leipzig in der Moritzbastei und da kommt noch viel mehr.

Otti:
Bei meinen Recherchen habe ich auch entdeckt, daß ihr sehr viel auf Dichtung und Lyrik haltet. Gibt es da Wortkünstler, die euch besonders bewegt oder beeinflußt habe, und wenn ja welche?

Meene:
Ich finde überall gute Wortkunst in allen künstlerischen Bereichen vor: Anspruchsvoll von den Klassikern der Literatur zu modernen Künstlern wie Wiglaf Droste, Stuckgrad Barre, bis hin zu wirklich teilweise fantastischen lyrischen Ausbrüchen bei Comedians wie Dieter Nuhr oder Johann König. Wie man sieht, ist für mich der Unterhaltungswert und der Biss sehr wichtig. Doch es erfordert oft eine große Intelligenz, witzig zu sein.

Otti:
Nehmen wir mal an, eine Plattenfirma macht euch folgendes Angebot: "Ihr bekommt einen Plattenvertrag über 1,5 Millionen Euro bei unserer Firma, wenn Steril die nächsten zehn Jahre nur nach unserer Pfeife tanzt, und keine sonstigen Musikprojekte macht." Wie würdet ihr reagieren?

Meene:
Fangfrage: 1,5 Mio einstecken - 10 Jahre abwarten... anschließend supergeiles Material (das man sich natürlich nur 10 Jahre merken muss, denn die Gedanken sind frei) auf den Markt schwemmen. Sicherlich ist es schwierig abzuwägen ob man seine eigene Kreativität für Geld zurückstellt.

Otti:
Wie wichtig ist euch der Aspekt "Geld verdienen" bei euerer Arbeit? Und wie steht ihr zum Thema Raubkopien und illegale Downloads?


"Ich will damit sagen, daß das Streben nach Individualität doch eigentlich ein tief menschliches Begehr ist, jedoch scheinbar nicht für alle."

Meene:
Wir würden wohl nicht 16 Jahre unseren musikalischen Weg gehen, wenn es uns um das Geld verdienen ginge. Natürlich soll gute abgelieferte Arbeit auch entlohnt werden, und es würde niemanden stören, wenn er davon Leben könnte. Aber dieser Aspekt steht zunächst einmal ganz hinten. Raubkopien und illegale Downloads haben den Markt für die Genre-Bands fast zum erliegen gebracht, wenngleich der Grad der Popularität dadurch steigt, und neue Märkte sich langsam erschließen. Es bleibt weiterhin abzuwarten, ob irgendwann die Independentmusik ohne riesigen finanziellen Hintergrund von der Bildfläche verschwindet... Ich denke aber nicht. Die Kreativität und der Optimismus sterben zuletzt!

Otti:
Famous last Question:
Wenn ein Baum die menschliche Sprache erlernen würde, was meintet ihr, würde er als allererstes sagen?

Meene:

...haltet’s maul, Merry und Pippin!!!

Art des Interviews: Email
18.10.2006 by Otti

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