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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

Thomas Thyssen

Zweifellos ist der DJ als solcher eine geplagte Persönlichkeit. Wenn er da oben an seinem Plattenspieler steht, ist er der Star des Abends, gleichzeitig aber auch Spottobjekt jener ewigen Zyniker und Besserwisser, deren persönlicher Musikgeschmack das Maß aller Dinge ist, und die jenen Übergang doch immer wesentlich eleganter gelöst hätte.
Letztlich besteht aber kaum ein Zweifel, daß der Discjockey wie kaum ein anderer Einfluß darauf hat, welche Musik an die Ohren der Hörer dringt, oder anders ausgedrückt: Wie die Musiker selbst macht er Musik. Und mehr noch, oftmals steckt viel Untergrundarbeit, Vorbereitung und auch anderweitere (Szene-)Arbeit in seinem Gesamtwerk.
Grund genug, diese Ausnahmegestalten des Musikbusiness auch mal zu Wot kommen zu lassen. Den Anfang macht hier bei uns Thomas Thyssen. Aufgewachsen quasi in meiner Nachbarschaft, hat er zusammen mit seinem Bruder Ralf, wie kaum sonst jemand, überregional und teilweise sogar weltweit seine Spuren hinterlassen. Seien es die "Pagan Love Songs"-Partys, oder auch redaktionelle in diversen Underground-Magazinen, Thomas hat seine Finger überall im Spiel.

Otti:
Hallo Thomas, Du bist wie ich gebürtiger Niederrheiner, und hast einen Großteil deines Lebens hier verbracht. Was sind für dich die markantesten Aspekte dieser Region?

Thomas:
Nun, der Menschenschlag ist schon ein ganz eigener, das steht völlig außer Frage. Als ich zu Weihnachten das erste Mal seit fast einem Jahr wieder in der Heimat war, musste ich dies direkt wieder feststellen. Es ist aber auch so, dass sich zum Beispiel meine Heimatstadt Kleve sehr geändert hat, in den Jahren, in denen ich nicht mehr in ihr lebe. Aber vielleicht kommt mir dies auch nur so vor, da ich nur noch Momentaufnahmen erleben kann. Generell kann ich es mir schon vorstellen, eines Tages mal wieder an den Niederrhein zurückzukehren. Vielleicht als Ort meines Lebensabends, wer weiß. Seit einigen Jahren genieße ich es sehr, in Großstädten zu leben, zuerst Leipzig, jetzt Berlin. Ich sehe mich persönlich auch nicht wirklich als Ur-Klever, wobei ich durchaus eine ordentliche Portion Lokalpatriotismus in mir trage. Aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Da bildet die eigene Heimat keine Ausnahme.


"Ich picke mir einfach nur noch die Rosinen heraus, die mir wirklich gefallen."

Otti:
Mit der „Pagan Love Songs"-Party hast Du, zusammen mit deinem Bruder Ralf, eine schon fast legendäre Veranstaltung ins Leben gerufen, die nun mit dem Umzug von Ralf nach Berlin erstmal aus dem Zwischenfall verschwunden ist. Es soll aber gelegentliche Revivals geben, was erwartet die Leute da?

Thomas:
Ich mag den Begriff „Revival" überhaupt nicht, da die „Pagan Love Songs"-Events, die jetzt noch stattfinden, nichts mit einer Wiederbelebung zu tun haben. Eine Szene, auch wenn ich diesen Begriff ebenso wenig mag, für diese Musik gibt es immer noch. Klar, sie hat sich sehr verändert innerhalb der letzten fünf Jahre, viele Leute verließen sie, neue kamen hinzu, aber Fakt ist: Es ist immer noch genug Potential vorhanden, um großartige Partys zu feiern, wie wir es erst kürzlich, am 25.12.2007, im Zwischenfall erleben durften. Der Hintergrund dafür, dass „Pagan Love Songs" nicht mehr monatlich stattfindet, ist ein ganz simpler: Sowohl Ralf, als auch ich, sind mittlerweile nach Berlin umgezogen. Der logistische Aufwand, jeden Monat eine Party im Ruhrgebiet zu veranstalten, wäre einfach zu groß. Von daher beschränken wir unsere Tätigkeit in unserem alten Wohnzimmer, dem kultigen Zwischenfall, nunmehr auf eine Handvoll Specials pro Jahr.

Otti:
A propos Ralf, ihr werdet ja gerne mal in einen Topf geworfen, was dich auch offenkundig nervt. Was hast Du, was Ralf nicht hat?

Thomas:
„Offenkundig nerven" tut mich das gewiss nicht, „blood is thicker than water" – nicht vergessen. Ich spiele nur gerne damit, dass es immer mal wieder vorkommt, dass uns Leute verwechseln. Unsere äußere Ähnlichkeit ist nicht gerade bestechend. „Twin brothers from different mothers", würde es vielleicht ganz gut treffen. Was ich habe, was Ralf nicht hat? Jugend! Und Haare. Just kidding, haha!

Otti:
Gemeinsam habt ihr auch die Firma "Nightmare Zone" ins Leben gerufen. Welche Arbeit und welche Ziele verfolgt ihr mit diesem Projekt?

Thomas:
„Nightmare Zone" war ganz lapidar der Name eine unserer ersten großen Veranstaltungen, die wir am 30. Juni 1995 veranstalteten. Dies geschah damals im Radhaus in Kleve. Was heutzutage unvorstellbar erscheint, war damals kein Problem: Über 400 Leute aus allen möglichen überregionalen Gebieten sind am besagten Abend an den Niederrhein gereist, haben teilweise vor der Location gezeltet etc. Natürlich haben wir den Veranstaltungstitel dem gleichnamigen Alien Sex Fiend-Klassiker entliehen. Als es dann einige Jahre später darum ging, einen Namen bzw. eine Domain für unsere Website auszuwählen, schloss sich der Kreis, da „Nightmare Zone" zwar nicht die Genese unserer Arbeit als DJ-Brüderpaar war, aber definitiv der erste große Meilenstein war. „Nightmare Zone" dient nach wie vor zur Promotion unserer Veranstaltungen, Konzerte etc., aber da dank Web 2.0 die Art und Weise der Onlinewerbung sich in den letzten Jahren drastisch geändert hat, gibt es natürlich auf z.B. ein „Pagan Love Songs"-MySpace-Profil. Es scheint so, als ob man heutzutage auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen muss, um alle Promomöglichkeiten auszuschöpfen.

Otti:
Als DJ hast Du auch schon einige Jahre Erfahrung auf dem Buckel, dürftest ähnlich lange wie ich dabei sein und die ganzen Veränderungen miterlebt haben. Was stört dich am meisten an der heutigen "schwarzen" Szene?

Thomas:
Ach, darüber könnte man Abhandlungen schreiben. Je älter ich werde desto mehr vergrätzt mich der Gedanke an „Szenen" jeglicher Art. Ich sehe mich nicht als Bestandteil irgendeiner „Szene". Man muss akzeptieren, dass im Laufe von Generationenwechseln, dem Wandel des Zeitgeists und anderen äußeren Faktoren sich die Selbstdefinition einer „Szene" wandeln bzw. verschieben kann. Natürlich fühle ich mich heute eher wie ein Alien, wenn ich auf eine Mainstream-Gothic-Party gehe, gar keine Frage. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das alles auch immer weniger. Goth-Metal? Brauche ich nicht. Dudelsäcke? Erst recht nicht. Als Futurepop getarnter Billig-Techno? Och nö. Es gibt, wenn man über den Tellerrand schaut, so viele unglaublich spannende Künstler da draußen, Musik, die noch neue Ideen erlaubt und Kreativität atmet – da brauche ich keine Acts, bei denen „Style over substance" auf der Tagesordnung steht. Oder, noch simpler: Ich picke mir einfach nur noch die Rosinen heraus, die mir wirklich gefallen. Das ist in der kontemporären Gothic-„Szene" vielleicht noch ein Prozentsatz von <5%. Leider.

Otti:
Das diesjährige WGT war ja nun leider von Übergriffen gewisser Antifas überschattet, welche unter anderem Steine auf mit Gothics besetzte S-Bahnen geworfen haben. Vorwand dieser Aktionen waren die "uniformierten" und die rechten Tendenzen, die ja auch teilweise in der Szene zu finden sind. Du selbst bist beim WGT aktiv, wie siehst Du diese Aktionen und die Hintergründe?

Thomas:
Ich verurteile Gewalt in jeglicher Art und Weise, ganz gleich ob sie politisch motiviert ist oder nicht. Auch ich blicke mit großer Skepsis auf gewisse Musiker und Labels, die allem Anschein nach auf dem rechten Auge blind sind, aber dies rechtfertigt noch lange nicht, Besucher eines Festivals auf offener Straße oder in einer Straßenbahn anzugreifen.

Otti:
Wenn Du dir die diesjährigen CD-Releases so anschaust. Was sind deine drei Top-Favoriten, und wieso?

Thomas:
Das ist ausnahmsweise Mal total einfach zu beantworten, wobei 2007 wirklich ein gutes Musikjahr war. Absolut grandios war das neueste Werk von Pink Turns Blue, ihres Zeichens ja auch zumindest teilweise Niederrheiner. „Ghost" hat es noch mehr verstanden, alte PTB-Wave-Elemente mit den Pink Turns Blue des 21. Jahrhundert zu verbinden als „Phoenix". „Break It" ist zudem einer der besten Songs, die die Herren und die Dame jemals geschrieben habe. „(Listen For) The Rag And Bone Man" von And Also The Trees ist ebenfalls wieder ein absolutes Meisterwerk. Zudem war der Gig der Herren im K17 in Berlin eines meiner absoluten Konzerthighlights des letzten Jahres. Und natürlich darf ich Frank The Baptists „The New Colossus" nicht vergessen, wobei man mir dort durchaus Voreingenommenheit vorwerfen darf. Für mich ist das Album, das allerbeste, was Frank und seine Mannen jemals fabriziert haben. „If I Speak" gehört auf einen „Pirates Of The Carribean"-Soundtrack, „Scars Forever" ist einfach wunderwunderschön und „Cosmonauts" zeigt, dass die Jungs ihre Liebe zum Acid Rock der Sechziger wieder gefunden haben. Absolut brillant!

Otti:
Wie ich gelesen habe, arbeitest Du derzeit an deinem ersten eigenen Buch. Darf man wissen, um was es da gehen wird?

Thomas:
Vor gut zweieinhalb Jahren bin ich von einem deutschen Verlag angesprochen worden, ob ich Interesse daran hätte, mich mit dem Verfassen eines Buchs zu beschäftigen, welches sich hauptsächlich um die kleinen, oft übersehenen oder längst vergessenen Gothic-, Wave- und Deathrock-Bands drehen soll. Also kein erneutes Durchkauen der „Fields Of The Mercy Cure". Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr, sehr viele Interviews geführt, interessante Infos, Fotos und altes Grafikmaterial zusammengetragen. Allerdings lag die Arbeit im letzten halben Jahr aufgrund von privaten Umständen brach, sodass ich mich zu Beginn des neuen Jahres erst wieder mit der Idee anfreunden muss, mich Hals über Kopf in die Schreiberei zu stürzen.

Otti:
Auf MySpace sagst Du über dich selbst, dass Du "young and foolish" warst. Was waren die dümmsten Aktionen deiner Jugend?

Thomas:
Oh weh, willst du eine Extraausgabe mit dem Mist, den ich verzapft habe, füllen können? Ich denke, dass ich nicht mehr oder weniger über die Stränge geschlagen habe als andere. Von den typisch-jugendlichen Leichtsinnsaktionen kann ich mich leider nicht freisprechen. Aber zu sehr will ich auch nicht ins Detail gehen. *lacht*

Otti:
Bezogen war diese Aussage aber eher auf dein Mitwirken in der Band "Capital Hell", die sich leider 1998 aufgelöst hat. Was sind deine schönsten Erinnerungen an diese Zeit?

Thomas:
Die generelle Aufgeregtheit, die damit verbunden ist, auf einmal auf einer Bühne zu stehen, das Lampenfieber, die Arbeit im Yellow Edge Studio in Krefeld. Das hat alles unglaublich viel Spaß gemacht, und natürlich auch tragenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich war ja damals nur ein Teenager, habe mich trotz alledem um die ganzen Management-Geschicke der Band gekümmert, was noch ganz anders als heute ablief, da das Internet noch in den Kinderschuhen für die Allgemeinheit steckte sowie Telefonflatrates und P2P-Filesharing Fremdworte waren. Der Thrill einen Plattenvertrag unterzeichnen zu dürfen, war logischerweise gewaltig. Selbst wenn sich im Nachhinein die Plattenfirma als Unglücksgrab Deluxe herausstellte. Aus Fehlern lernt aber bekanntlich, von daher macht das schon alles Sinn.

Otti:
Generell gefragt, was bedeutet das Wort "Verantwortung" für dich?


"Ich verurteile Gewalt in jeglicher Art und Weise, ganz gleich ob sie politisch motiviert ist oder nicht."

Thomas:
Verantwortung bedeutet für mich, dass ich mich den Dingen, Aufgaben und Problemen, mit denen ich mich tagtäglich konfrontiert sehe, stellen muss. Ich war schon immer eher der Typ, der nach und nach abarbeitet, was sich vor ihm auftürmt. Das hat vermutlich mit meiner Berufsausbildung zu tun. Verantwortung heißt für mich auch, Dinge, die ich tue und von mir gebe, reiflich zu überlegen, damit ich auch im Nachhinein noch zu ihnen stehen kann.

Otti:
Stell dir vor Du könntest dich jederzeit spontan in einen bestimmten Filmcharakter verwandeln. Welche Figur hättest Du gerne als Alter Ego?

Thomas:
Eine interessante, aber auch wirklich schwierige Frage. Skurrilerweise schwanke ich zwischen Baumbart aus Tolkiens „Der Herr der Ringe" und David Palmer, dem fiktiven Präsidenten der Vereinigten Staaten aus „24". Bei ersterem fasziniert mich die Ruhe, das unheimliche Wissen und die – no pun intended – tiefe Verwurzelung mit der Natur, der Einklang mit der Welt um ihn herum. Bei letzterem ist es so, dass ich mir insgeheim wünschen würde, dass die USA irgendwann einmal nicht nur einen farbigen Präsidenten haben werden, wer weiß ob Obama das Rennen machen wird, sondern auch, dass dieser gleichzeitig so integer und wohl besonnen ist. Ein faszinierender Gedanke.

Otti:
Welches ist der Gedanke, der dich in letzter Zeit am meisten beschäftigt?

Thomas:
Nichts passiert ohne Grund. Alles macht in Retrospektive Sinn. Und wer weiß, was noch alles passieren wird?

Otti:
Und was meinst Du würde passieren, wenn J.R.R. Tolkien und Peter Jackson sich im Jenseits begegnen?

Thomas:
Im Idealfall würde Professor Tolkien Peter Jackson auf eine Tasse Tee einladen, sich darüber mokieren, dass Legolas niemals als Akrobat konzipiert war, um ihm dann doch für seine Arbeit zu gratulieren, da der Grat zwischen literarischem Anspruch und den Forderungen, die Hollywood stellt, sehr schmal ist. P.J. hat dies jedenfalls sehr gut gelöst. Mal schauen, wie es mit „The Hobbit" jetzt weitergehen wird.

More Info:

www.nightmarezone.de
wgt.nightmarezone.de
www.randbewegung-leipzig.de
www.myspace.com/2xT
www.myspace.com/pagan_love_songs
www.myspace.com/wwwy
www.myspace.com/randbewegung

Art des Interviews: Email
09.01.2008 by Otti

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